
Functional Drinks im Supermarkt: Haben alternative Getränkemarken eine Chance?
Geschmack statt Markenbekanntheit? Das Potenzial neuer Vitaminwasser-Marken im LEH
Functional Drinks, Vitaminwasser und Getränke mit zugesetzten Vitaminen oder Mineralstoffen gewinnen im deutschen Lebensmittelhandel an Bedeutung. Doch während etablierte Marken mit hohen Marketingbudgets um Aufmerksamkeit werben, könnten weniger bekannte Getränkehersteller ein wirtschaftliches Potenzial bieten, das im Supermarktregal bislang nicht immer ausreichend berücksichtigt wird.
Functional Drinks: Ein wachsender Markt mit neuen Chancen
Funktionale Getränke sind längst kein reines Nischenthema mehr. Laut einer im Oktober 2026 veröffentlichten YouGov-Untersuchung achten 40 Prozent der erwachsenen Verbraucher in Deutschland beim Getränkekauf auf funktionale Zusatzstoffe wie Vitamine oder Mineralstoffe. Innerhalb der Generation Z liegt dieser Anteil sogar bei 60 Prozent.
Auch die tatsächlichen Einkaufsdaten zeigen eine positive Entwicklung. Im ersten Halbjahr 2026 verzeichneten Energy-Drinks ein Umsatzwachstum von 11,5 Prozent, Sportgetränke von 7,6 Prozent und die Kategorie Nearwater, zu der unter anderem vitaminangereicherte Wassergetränke zählen, von 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Für den Lebensmittelhandel stellt sich damit eine interessante Frage: Welche Marken profitieren von dieser Nachfrage und welche zusätzlichen Absatzpotenziale könnten alternative Anbieter erschließen?
Geschmack als unterschätzter Erfolgsfaktor
Wie wichtig neben funktionalen Inhaltsstoffen auch der Geschmack ist, zeigt eine NIQ-Befragung im Auftrag der Valensina Gruppe aus dem Mai 2026.
Demnach konsumieren 70 Prozent der Befragten funktionale Getränke. Besonders interessant: Bei der Produktauswahl steht der Geschmack noch vor Preis, Natürlichkeit und der erwarteten Wirkung.
Diese Erkenntnis wirft eine grundsätzliche Frage auf.
Wird die tatsächliche Produktleistung bei Sortimentsentscheidungen ausreichend berücksichtigt, oder profitieren etablierte Marken mit hohen Werbebudgets teilweise stärker von ihrer Bekanntheit als von den Eigenschaften einzelner Produkte?
Gerade weniger bekannte Getränkemarken können geschmacklich überzeugende Alternativen bieten, ohne über vergleichbare Marketingressourcen zu verfügen.
Markenbekanntheit ist nicht gleich Wirtschaftlichkeit
Etablierte Getränkemarken besitzen einen wichtigen Wettbewerbsvorteil. Ihre Bekanntheit, Werbepräsenz und bestehende Nachfrage können das Absatzrisiko für Handelsunternehmen reduzieren.
Allerdings bedeutet ein hohes Marketingbudget nicht automatisch, dass jedes Produkt einer bekannten Marke auch den größten wirtschaftlichen Beitrag innerhalb einer Warengruppe leistet.
Alternative Getränkemarken können durch überzeugenden Geschmack, verlässliche Qualität und attraktive Handelskonditionen interessante Ergänzungen darstellen.
Entscheidend ist nicht ausschließlich, welche Marke bekannter ist, sondern welche Produkte sich im jeweiligen Markt tatsächlich erfolgreich verkaufen und welchen wirtschaftlichen Beitrag sie leisten.
Wenn die Regalplatzierung über die Chancen entscheidet
Weniger bekannte Getränkemarken stehen häufig vor einer besonderen Herausforderung: Ohne große Werbekampagnen fehlt ihnen zunächst die öffentliche Aufmerksamkeit etablierter Wettbewerber.
Werden solche Produkte zusätzlich an wenig sichtbaren Regalpositionen platziert, lässt sich ihr tatsächliches Absatzpotenzial nur eingeschränkt beurteilen.
Eine schwache Verkaufsentwicklung muss daher nicht zwangsläufig bedeuten, dass Verbraucher kein Interesse am Produkt haben.
Hier entsteht eine interessante wirtschaftliche Fragestellung für den Handel: Könnten gezielte Testplatzierungen und eine angemessene Sichtbarkeit alternativer Marken zusätzliche Absatzchancen eröffnen?
Ein solcher Ansatz garantiert keine höheren Verkäufe. Er könnte jedoch helfen, die Leistungsfähigkeit bislang unbekannter Produkte differenzierter zu bewerten.
Geschmack, Qualität, Rotation und Marge gehören zusammen
Für eine wirtschaftlich erfolgreiche Sortimentsentscheidung reicht weder ein attraktiver Einkaufspreis noch eine hohe Markenbekanntheit allein aus.
Entscheidend ist das Zusammenspiel von Geschmack, Qualität, Rotation und Marge.
Ein Produkt mit einer höheren prozentualen Handelsspanne kann wirtschaftlich weniger attraktiv sein, wenn es sich deutlich langsamer verkauft. Umgekehrt bedeutet eine hohe Verkaufsfrequenz nicht zwangsläufig den höchsten Ertrag.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die tatsächliche Leistung einzelner Marken.
Für alternative Getränkehersteller eröffnet sich damit die Chance, auch ohne millionenschwere Werbebudgets wirtschaftlich überzeugende Argumente für den Handel zu entwickeln.
Fazit: Ist Markenbekanntheit allein ein ausreichendes Entscheidungskriterium?
Bekannte Marken besitzen ihre Berechtigung im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. Sie schaffen Vertrauen, erzeugen Nachfrage und bieten Verbrauchern Orientierung.
Doch gerade in wachsenden Warengruppen wie Functional Drinks und Vitaminwasser könnte es sich lohnen, auch weniger bekannte Marken stärker in die Sortimentsbetrachtung einzubeziehen.
Denn langfristiger wirtschaftlicher Erfolg entsteht nicht allein durch Werbung, sondern durch Produkte, die Verbraucher überzeugen und für den Handel rentabel sind.
Die entscheidende Frage lautet daher: Reduziert das Marketingbudget einer bekannten Marke tatsächlich das wirtschaftliche Risiko des Handels, oder könnten alternative Marken durch gezielte Platzierung und überzeugende Produktleistung eine ebenso interessante, möglicherweise sogar wirtschaftlich attraktivere Ergänzung darstellen?
Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht. Genau deshalb sollten Geschmack, Qualität, Rotation und Marge bei der Bewertung neuer Getränkemarken gemeinsam berücksichtigt werden.
Quellen und weiterführende Informationen
YouGov, 16. Oktober 2026: Die Deutschen trinken wieder mehr Wasser. Entwicklung alkoholfreier und funktionaler Getränke, einschließlich der Ergebnisse zu funktionalen Zusatzstoffen und Umsatzentwicklung.
Valensina Gruppe / NIQ, 2. Juni 2026: Funktionale Getränke im Mainstream. Repräsentative Befragung von 1.024 Personen im Alter von 18 bis 74 Jahren. Die Untersuchung wurde von der Valensina Gruppe beauftragt.